Wie sich die Klimaerwärmung auf die Wasserkraft auswirkt
Die Wasserkraft deckt heute mehr als die Hälfte des Schweizer Stromverbrauchs und soll gemäss der Energiestrategie 2050 künftig einen noch höheren Anteil übernehmen. Gleichzeitig wirkt sich die Klimaerwärmung in verschiedener Hinsicht auf die Wasserkraft aus: wärmere Winter, weniger Schneefall, schmelzende Gletscher, heissere und trockenere Sommer. Was bedeutet das für die Stromerzeugung und was können Kraftwerksbetreiber tun, um die Produktion zu sichern?
Mehr Regen im Winter, weniger im Sommer
Eine wesentliche Folge der Klimaerwärmung ist ein verändertes Niederschlagsverhalten – sowohl punkto zeitlicher Verteilung als auch hinsichtlich der Form. Für die tendenziell wärmer werdenden Wintermonate bedeutet das: Niederschlag fällt häufiger in Form von Regen statt von Schnee. «Für die Wasserkraft kann diese Entwicklung grundsätzlich positiv sein», sagt Gian Paolo Lardi, Leiter Asset Management Produktion bei Repower. «Wenn es regnet, steht das Wasser unmittelbar als Abfluss zur Verfügung und kann je nach Anlage für die Stromproduktion genutzt werden.»
Die Kehrseite der Medaille: Weil weniger Schnee fällt, profitieren Wasserkraftwerke im Frühling und Sommer weniger von Abflüssen aus der Schneeschmelze. Dazu kommt, dass das wärmere Halbjahr tendenziell trockener wird. Die Klimamodelle weisen auf eine Zunahme von längeren Perioden ohne Niederschlag hin – der Sommer 2026 lieferte einen Vorgeschmack auf diese Entwicklung. Ist es gleichzeitig sehr heiss, sinken die Abflüsse wegen der stärkeren Verdunstung zusätzlich.
Gletscher: Langfristig weniger Schmelzwasser
Und die Gletscher? Sie sind heute für gewisse Wasserkraftanlagen ein wesentlicher Faktor, weil sie im Sommer Schmelzwasser in die Flüsse und Stauseen abgeben. Kurz- und mittelfristig kann die verstärkte Gletscherschmelze in diesen Gebieten für zusätzliche Wassermengen sorgen und so den Rückgang anderer Zuflüsse – etwa aus der Schneeschmelze – teilweise kompensieren. Allerdings ist das ein zeitlich begrenzter Effekt, denn je mehr Volumen die Gletscher verlieren, desto weniger Schmelzwasser können sie bereitstellen. Kraftwerke mit einem hohen Anteil an Gletscherwasser müssen deshalb langfristig mit deutlich geringeren Zuflüssen rechnen.
Verlagerung in den Winter
Auch wenn sich die Folgen der Klimaerwärmung je nach Standort und Einzugsgebiet eines Wasserkraftwerks unterscheiden können, ergibt sich insgesamt ein klares Bild. Es ist davon auszugehen, dass sich parallel zu den Niederschlägen auch ein Teil der Stromproduktion aus der Wasserkraft vom Sommer in den Winter verlagert. Was bedeutet diese saisonale Verschiebung für die Betreiber der Kraftwerke? Repower-Experte Lardi: «Wir gehen davon aus, dass die positiven Effekte die negativen zumindest teilweise kompensieren können.» Entscheidend seien nicht nur die insgesamt verfügbaren Wassermengen, sondern immer mehr auch die Fähigkeit, sie zum wirtschaftlich optimalen Zeitpunkt für die Stromproduktion einsetzen zu können.
Flexibler werden
Um die dafür notwendige Flexibilität zu erhalten, entwickelt Repower ihre Wasserkraftanlagen im Rahmen der technischen, wirtschaftlichen und regulatorischen Möglichkeiten weiter. Zu den denkbaren Massnahmen gehören beispielsweise effizientere Turbinen, ein optimierter Kraftwerkeinsatz sowie der Ausbau von Speicher- und Pumpspeicherkapazitäten, wo das technisch und wirtschaftlich sinnvoll ist. «Ebenfalls denkbar sind eine bessere Nutzung von bestehenden Zuflüssen, das Optimieren von Fassungen und Wasserwegen sowie unter Umständen das Erschliessen weiterer Zuflüsse», ergänzt Lardi.
Solche Massnahmen erlauben es, auf Veränderungen bei den saisonalen Zuflüssen sowie auf die Stromnachfrage und die Marktpreise gezielt reagieren zu können. «Das ist auch deshalb wichtig, weil sich die Produktion der Speicher-Wasserkraft im Gegensatz zur Photovoltaik und zur Windkraft steuern lässt», sagt Lardi. «Indem wir mit den Wasserkraftwerken flexibler Strom erzeugen können, leisten wir einen wichtigen Beitrag zum Ausgleich von Nachfrage und Produktion.»
Risiken analysiert
Die Klimaerwärmung bringt für die Wasserkraft aber nicht nur eine Veränderung der saisonalen Zuflüsse, sondern erhöht auch das Risiko von Extremereignissen. 2024 wurde eine zukunftsgerichtete Analyse zu klimabedingten Risiken und Chancen für sämtliche Repower-Anlagen im In- und Ausland durchgeführt, wobei auch verschiedene Klimaszenarien berücksichtigt wurden. Die Analyse identifiziert als potenzielle Risiken beispielsweise Überschwemmungen, Hitze, Windstürme und Trockenperioden. Solche Ereignisse können Infrastrukturen schädigen, die Energieversorgung stören und zu Betriebsausfällen führen. Punkto Wasserkraft wurde untersucht, bei welchen Wasserkraftanlagen mit längeren Trockenperioden zu rechnen ist. Heute ist dieses Risiko gemäss der Studie für alle Repower-Wasserkraftwerke tief. Durch die fortschreitende Klimaerwärmung steigt es in Zukunft zwar an, bleibt aber verhältnismässig gering.
Individuelle Analyse nötig
Insgesamt lässt sich festhalten: Der Klimawandel führt zu Veränderungen und gewissen Herausforderungen für die Wasserkraft in der Schweiz. Diese dürften aber kaum dazu führen, dass die Stromproduktion wesentlich zurückgeht. Die Betreiber kommen jedoch nicht darum herum, die möglichen Auswirkungen auf ihre Anlagen individuell zu prüfen und mögliche Massnahmen in die Wege zu leiten, um die Sicherheit und Wirtschaftlichkeit ihrer Wasserkraftwerke langfristig sicherzustellen.